zu meinen Arbeiten ...

" was bleibt"Galerie Kloster Karthaus, eine Annäherung von Christina Biundo im Oktober 2017  

... Ihr künstlerisches Interesse konzentriert sich in der Ausstellung „was bleibt“ auf die Verarbeitung von Gefundenem aus der Natur, namentlich von Zweigen, Ästen und Baumstämmen, in eine abstrakte künstlerische Form. Sie überführt ihr Ausgangsmaterial aus seinem gewohnten Kontext heraus in eine neue, ungewohnte Realität. Zweige, Äste und Baumstämme werden dabei zu eigenständigen Zeichen und Formen. Aus ihrem Kontext gelöst entstehen so abstrakte, zwei- oder dreidimensionale Raumzeichnungen, die ihre Umgebungen neu definieren. Ute Krautkremer arbeitet in einer speziellen, sehr langwierigen Art des Papierabdrucks und transferiert hierbei positive Zustände und Materialität ihres Ausgangsmaterials einerseits in abgedruckte Negativformen auf streng geometrischen Bildträgern, andererseits in entmaterialisierte Hüllen, die eigenständig ihren Raum greifen, oder, in dreidimensionalen Körpern eingelassen, den vorgegebenen Körper auflösen und ihm eine ganz neue Bedeutung geben. Es entstehen ästhetische Gebilde, abstrakte Formen, eigenständige Zeichen - eine lesbare Semantik, die sich aus sich selbst heraus definiert. Schön und verstörend zugleich. Denn an manchen Stellen im Bild oder Plastik ist erkennbar, dass Ute Krautkremer ihr Ausgangsobjekt verbogen oder zerbrochen und ihm ihre eigene Ordnung aufgezwungen hat. Denn ihre künstlerische Intension ist nicht, die sichtbaren Phänomene der Welt abzubilden, sondern vielmehr eine künstlerische Welt mit einer eigenen Ordnung entstehen zu lassen. Sie verzerrt die Wirklichkeit und erschafft so etwas Neues, das zwar vertraut ist, gleichzeitig aber irritiert. Alles scheint aus dem Kontext gerissen und ohne Zusammenhang für sich zu stehen. Sie spielt mit der Illusion der Nachahmung und der Vertrautheit, zerbricht diese aber direkt wieder, indem Sie Verletzungen und Spuren der Veränderung als Gestaltungselement mit in ihre Arbeiten einbezieht. 

Warum tut sie das? Was ist ihr künstlerisches Interesse dabei?

Es geht um das Bewusstsein und die Kenntnis über die unumstößliche Vergänglichkeit und das ständige Vergehen von allem was diese Welt belebt und besiedelt. Um Verlust und Verfall. Um die Suche, nach dem was bleibt, wenn die Existenz im Jetzt zu einer Erinnerung in der Vergangenheit wird. Es geht wie der Titel der Ausstellung sagt, um das was bleibt. Was an Spuren und Zeichen von Leben bleibt, um sie dem Prozess des Vergessens zu entreißen und um ihnen eine neue, geklärte Erscheinungsform und eine Präsenz im Jetzt zu geben. Entzeitlichung und Entmaterialisierung sind dabei zentrale Begriffe. Waren Ast und Baumstamm in ihrer realen Erscheinungsform schwer gefüllt mit Leben, entleert Krautkremer sie im künstlerischen Gestaltungsprozess. Sie stellt sie frei. Gibt Ihnen die Möglichkeit sich selbst zu erklären, ohne sich auf ihren bekannten Kontext berufen zu müssen. In einem fast poetisch zärtlichen Arbeitsprozess tastet die Plastikerin die Wirklichkeit oder besser die wirkliche Substanz des organischen Ausgangsmaterials, die sich unter ihren Händen schon fast auflöst, die zerfällt und sich in etwas Vergangenes, in Vergangenheit aufzulösen scheint ab. Sie klärt den Zustand dabei, konzentriert sich auf die äußere sichtbare und tastbare Hülle. Im Arbeitsprozess entstehen ein Außen und ein Innen. Die positive Form desUrsprungsmaterials formt die gleichzeitig die innere, wie die äußere Form des Abgusses. Krautkremer bezeugt in ihrer entleerten, leichten, schwerelosen Papierübersetzung die Gleichzeitigkeit von Vergangenheit und neu interpretiertem Jetzt. Entzeitlichung wird zur Synchronizität der temporären Zustände. Das eine ist im Begriff zu zerfallen, gibt seine einzigartige Existenz auf, und das Neue setzt eine Zeichen der Allgemeingültigkeit. Die wesenhaften Existenz wird zur abstrakten, überordneten Form, die für sich steht und im Jetzt verhaftet ist und die eine neue Ordnung aufweist. Denn Krautkremer verändert in ihrem Arbeitsprozess die Ordnung der uns vertrauten Wirklichkeit, nutzt ihre zerbrechliche Ordnung um eine eigene, neue Ordnung herzustellen, verkehrt Innen und Außen, zeigt Durchblicke, die so in der Realität der organischen Welt nicht gesehen werden können. So entsteht ein Spiel mit Blickwinkeln und Perspektiven, dasselbst in der festen abstrakten Form die Erscheinung der angenommenen Wahrheit verändert. Es entsteht eine künstlerische Ordnung, eine weitere Wahrheit, die den Zufall in den Entstehungsprozesses miteinbezieht. An dieser Stelle wird deutlich, dass zu keinem Zeitpunkt des künstlerischen Prozesses die Absicht bestand, die Wirklichkeit einfach wiederzugeben. Vielmehr zeigt sich, dass Ute Krautkremers Arbeiten sich von der Realität lösen und zu intensiv erfahrbaren Zeichen einer übergeordneten Ordnung werden. 

  Ute Krautkremer arbeitet sehr poetisch verfällt aber an keiner Stelle in einen Erzählmodus. Sie schaut achtsam auf scheinbar selbstverständlich vorhandene Phänomene dieser Welt, wie sie wachsen und wie sie wieder vergehen. Sie gibt ihnen eine zeitliche Komponente und Beständigkeit, die nur der künstlerische Prozess fähig ist zu geben. Sie entreißt sie, entleert sie verwandelt sie und ordnet sie neu. Zeichen, die dem Wandel unterworfen eine neue Wirklichkeit bilden. In Anlehnung an den Wandel all dessen, was unsere Welt formt. In Anlehnung an das Leben.

 

EINBLICKE II

 In der Arbeitsserie „ Spurensicherung-Baum“ arbeite ich mit abgeschlagenen Bäumen.

  - Ich nutze eine spezielle Technik des Papierabgusses um abgeschlagene Teile von Bäumen abzuformen. In der Rauminstallation für das RAVELIN ( 9/2014) bleibt der „Originalbaum“ als Kernstück der Plastik erhalten. Er ist mit einer Papierhaut überzogen, die abgeschlagenen Äste werden von anderen Abformungen anderer Äste weitergeführt. Dadurch entsteht eine ganz neue Baumform. Die Papierhülle um den Baum, wie auch die Abformungen bleiben teilweise offen, Innen und Außen können sich durchdringen. Eine Nahtstelle zieht sich über bestimmte Teile der Plastik und gewährt einen Einblick auf den Originalbaum. An dieser Stelle wird die Papierhülle als solche erkennbar. Anstatt kompakter, geschlossener Formen täuschen meine Baumabformungen Volumen und Schwere nur vor, entlarven sich selbst als lediglich formumschließende "Hüllen", die den umgebenden Baum als Negativ-Form sichtbar machen. Ähnlich wie bei einem Mehrschalensystem, das den Raum mit integrieren soll, schaffe ich nur die Hülle, in der man sich den Körper bzw. das Objekt vorstellen kann. Das reale Objekt wird mit einer Illusion verknüpft.  Der Baum wirkt fremd, seine Verzweigung in den Raum unwirklich, er lässt sich nicht in das vorhandene Baumschema einordnen. 

Seine  liegende Präsentation quer zum Raum wirkt wie eine Sperre und gibt dem Betrachter bestimmte Wege durch den Raum vor.  (UK, Begleittext zur Ausstellung 2014)

 

Ute Krautkremer – Rise and Fall Imitating nature through reproduction and doubly deceiving the eye? It’s possible, if the outside becomes the inside. A wedge of bark can look like paper, especially if it’s very thin. Nature is continuously renewing itself. To grow, blossom and decay is the inherent cycle of all things that live and eventually die. Trees drop their leaves in the autumn and lose branches during a heavy storm. The bark, just like human skin which protects the whole entity, can flake. Ute Krautkremer (1958, Koblenz/Ehrenbreitstein, Germany) is fascinated by what the forest bestows. She makes paper impressions of trunks and branches. Trophies The impressions develop lives of their own. If you were to make a copy of something like a branch, then you’d first make a mould. Pour in the desired material, let it set, remove the mould and there you’ll have a clone, made of bronze for example. But for Krautkremer, the inversion of the exterior, including all its dips and rises, is the thing. By using papers as a kind of mask, the copy retains almost the full volume of the original. And then confusion takes hold of the viewer. You see natural shapes like sections of tree, but there’s something peculiar… The Baumtrophäen (2015) look like those pieces of bark and branches that are strewn all over the forest – every forest nowadays, since natural forestry is increasing and fallen trees and such are being left on the forest floor. The idea that it’s about trophies is not so far off: every child has taken something home from a walk in the woods (whether dragged there by parents or not). In Krautkremer’s work it is the impressions-made-tangible that live on, rather than the objects themselves. Mamas Nussbaum (2015) also fits in this category, a graceful hanging mobile of imprints/amputations of parts that once made up a walnut tree. The trunk floats on its side – again a reality that is askew, though a felled tree does sometimes still sprout again, reaching vertically towards the sky. Of a slightly different nature are the works from the series Spurensicherung, such as Baum 1-3 (2013). Here there’s a contrast between the imprint of part of a tree and the hard, geometric and bright white industrial form. It’s like a fossil under conservation – organisms themselves can petrify, but so can their counter-shapes, where the organism itself disappears. Preserving life without saving the original. This is, in essence, what Ute Krautremer is showing us. Her eye for nature makes a lasting impression. Text, written about her work for the Rijswijk Paper Biennial in 2018 by Frank van der Ploeg